Entfremdung

Kaum hatte sich unter den Worpsweder Künstlern der Erfolg eingestellt, lebte man sich schon auseinander. Bereits am 1. April 1897 notierte Otto Modersohn in seinem Tagebuch: „Die Worpsweder Zeit geht zu Ende. – Unendlich viel verdanke ich ihr, dem stillen abgeschlossenen Leben in der Natur. […] Um meine Art in Kunst und Leben zu leben, muß ich von Worpswede fort.“10 Dann blieb er vorerst aber doch. Im September 1897 kaufte Modersohn sogar ein Haus in Worpswede und begründete eine Familie.

Paula Becker zieht es hierher. Sie beendet ihre Studienzeit in Berlin, kommt im September 1898 nach Worpswede, lässt sich dort nieder und nimmt Unterricht bei Fritz Mackensen. Dieser unterrichtet auch Clara Westhoff (1878–1954) und Ottilie Reylaender (1882–1965). Die drei jungen Frauen freunden sich an. Vorher, 1896, waren bereits Marie Bock (1864–1957) und Hermine Rohte (1869–1937) zum ersten Mal nach Worpswede gekommen. Beide wurden sie Schülerinnen von Fritz Overbeck. Ab dem Jahr 1898 ist das weibliche Element in der Künstlerkolonie Worpswede stark vertreten.

Abb. 2. Heinrich Vogelers Wohn- und Atelierhaus im Mai 2018.
Abb. 2. Heinrich Vogelers Wohn- und Atelierhaus im Mai 2018.

Die Dominanz bleibt freilich bei den Männern. Sie bilden spätestens im Jahr 1898 das Establishment: 1895 hatte Heinrich Vogeler den „Barkenhoff“ im Süden Worpswedes erworben und richtete ihn Schritt für Schritt als Wohn- und Atelierhaus her. Im gleichen Jahr baute Hans am Ende den geräumigen „Buchenhof“ links daneben. Otto Modersohn folgte 1897 mit dem Kauf eines Hauses östlich des Ortskerns von Worpswede. Desgleichen tat Fritz Overbeck, als er sich im selben Jahr 1897 mit Hermine Rohte verheiratete. Fritz Mackensen hinkte etwas hinterher. Er wollte – gewissermaßen als spiritus rector der Künstlerkolonie – besonders repräsentativ wohnen und vollendete seine geräumige Villa am Fuße des Weyerbergs 1901.

Älter und erfolgreich geworden, kam es 1899 zum Bruch, den Otto Modersohn zwei Jahre vorher vorausgeahnt hatte. Die deutschnational-politisierende Haltung Hans am Endes und Fritz Mackensens gab den Ausschlag, dass Otto Modersohn, Fritz Overbeck und Heinrich Vogeler ihre Mitgliedschaft im „Künstler-Verein Worpswede“ aufkündigten. Der gemeinschaftliche Schaffensgeist war somit hinfällig geworden. Die Zukunft gehörte fortan der Vereinzelung der Individuen.

Abb. 3. Fritz Mackensens Villa im Mai 2018.
Abb. 3. Fritz Mackensens Villa im Mai 2018.